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"SMS für dich" oder warum fehlende Gründe und schwache Impulse eine Figur unglaubwürdig machen

March 12, 2017

 

Endlich! Endlich mal wieder eine romantische deutsche Komödie, die nichts mit Sozialkritik oder Krankheiten, dem Altern, Tod und Krieg  zu tun hat, sondern nur einem. Dem eigentlich wichtigsten, aber in letzter Zeit etwas in der Ablage des deutschen Films verschwundene Thema: die Liebe.

Mag sein, dass einige Menschen nichts für Romantik übrig haben oder romantic comedys als Kitsch ab tun. Aber schauen wir uns doch einmal die größten Romanklassiker der Weltliteratur an: Von Romeo und Julia über Stolz und Vorurteil bis zu Tristan und Isolde. Alles durch die Bank weg Kitsch, aber erfolgreich. Und warum? Weil es unterhaltsam ist und genau das verspreche ich mir von diesem Film. Schöne, witzige, glaubhafte Unterhaltung.

738.601 Kinobesucher (Quelle: FFA) sahen das wahrscheinlich genauso, als sie das Regiedebüt von Karoline Herfurth miterleben wollten.

Der Anfang verspricht einiges. Wir erleben mit, wie die Hauptfigur Clara die letzten glücklichen Minuten mit ihrem Verlobten Ben verbringt. Wir spüren die tiefe Verbindung der beiden, ihre Liebe füreinander und auch den großen Schockt den Clara erfährt als sie sieht, wie Ben von einem Auto überfahren wird. Wir erkennen sofort was es für einen Schmerz in ihr auslösen muss, können es mitfühlen. Der Zuschauer weiß, worum es geht, wie sich der Protagonist fühlt und das alles OHNE Text. Ein perfekter Anfang.

Danach dreht sich die Erzählweise jedoch um 180 Grad. Es gibt Text. Sehr, sehr viel Text. Unfassbar guten Text, der intelligent und witzig ist. Aber einfach viel zu viel. Die Schauspieler müssen so schnell sprechen, um alles unter zu bekommen, dass man sich als Zuschauer nicht wundern würde, wenn sie danach einen Knoten in der Zunge hätten. Außerdem fällt es unglaublich schwer zu folgen. Es ist wirklich anstrengend mitzuhalten. Anstrengung bei einer leichten Unterhaltung ist sehr kontraproduktiv und lässt meine Laune sinken. Noch ein anderes Gefühl macht sich plötzich breit. Fehlt da nicht etwas? Hier schon wieder.

Die Figuren treffen Entscheidungen, viele davon. Sie handeln, so wie es sich für gute Charaktere gehört. Aber es drängt sich unwillkürlich und ständig die Frage auf: WARUM?

Es gibt nämlich kaum Anlässe dafür, dass die Figuren handeln, wie sie handeln. Ab und an wird es gesagt, warum, aber ich sehe es nicht, ich fühle es nicht. Die Bilder fehlen.

Sogenannte "talking heads" entstehen, die nicht mehr glaubwürdig sind.

Auch im wahren Leben, hat jeder Mensch für alles was er tut, Gründe. Sei es aus Absicht oder im Unterbewusstsein, aber sie sind immer vorhanden. Es gibt keine grundlosen Handlungen.

Diese Gründe, die eine Figur zu seinen Taten veranlassen, nennen wir in der Dramaturgie auch Impulse. Wenn ein Impuls zu schwach ist, oder nicht existiert, wirkt der Charakter unauthentisch. Denn warum sollte jemand etwas tun, wenn es kein Motiv dafür gibt. Manchmal kommen die Impulse von Außen, manchmal von Innen, aber jedesmal muss der Zuschauer sie sehen und wahrnehmen. 

In SMS für dich, ziehen sich die fehlenden und schwachen Impulse gnadenlos durch den ganzen Film.  Vor allem bei den beiden Hauptfiguren Clara und Mark.

Ein Beispiel hierfür findet sich gleich zu Anfang, als Clara beschließt nach zwei Jahren in denen sie sich offenbar auf dem Hof ihrer Eltern zurückgezogen hat und aus Schmerz ein EInsiedler dasein geführt hat, aus dem nichts heraus, wieder an ihrem alten Leben teil zu nehmen. Einfach so. Nachdem sie sich jahrelang eingeschlossen hat. Es wirkt wenig glaubwürdig, dass eine solche extreme Entscheidung ohne Grund passiert. Ja, wir sehen, dass sie nicht mehr kreativ sein kann. Aber das scheint sie zwei Jahre lang auch nicht gestört zu haben. Wenn der Schmerz überwiegt, ist einem alles egal. Nicht mehr egal, wird es, wenn es eine Notwendigkeit gibt zurück zu kommen. Wenn man dazu gezwungen wird über den Schatten zu springen. Sei es weil die Eltern sie raushaben wollen oder es aus finanziellen Gründen sein muss, weil sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen kann oder etwas in der Art. Essen muss jeder. Es fehlt der äußere Konflikt und dadurch auch der innere Konflikt. Diese beiden wichtigen Elemente sind das Herzstück eines Charakters. Die Reise des Helden kann nur beginnen, wenn es einen Konflikt gibt. Ist dieser nicht vorhanden, gibt es auch keine Geschichte.

Dabei liegt der einfachste Grund 15 Minuten später offen in einer Szene. Das Gespräch mit der Verlegerin. Welche Geschäftsfrau, würde sich nicht darum bemühen ihren Goldesel zurück zu holen, um nicht mit dem eigenen Laden baden zu gehen. Wenn zum Beispiel Frau Volkovicz zu Clara in die Einöde fahren würde, um ihr die Pistole auf die Brust zu setzen, hätte Clara die Notwendigkeit wieder ins Leben zurück zu kehren.

Ähnlich verhält es sich mit Marks Motiven. Es wird nicht klar, warum ein nüchterner Fussballfanatiker, der keinen Sinn für Romantik hat, auf einmal jemanden nicht mehr aus dem Kopf bekommt, der poetische SMS versendet. Er tut es einfach. Kein Grund. Hätte er z.B. die Idee diese Nachrichten zu nutzen, um an die Schlagersängerin Henriette Boot heran zu kommen, könnte er seine Karriere vorantreiben, um seinen großen Traum zu verwirklichen. Dann gäbe es ein Motiv dafür, den SMS zu folgen und langsam in Claras Welt einzutauchen und gefallen daran zu finden, weil sie das hat, was er nicht hat und dringend braucht.

Generell bekommen Claras Nachrichten, die ihr Innenleben widerspiegeln sollen wenig Raum. Die Wichtigkeit ihrer Konversation mit ihrem verstorbenen Verlobten, wird dadurch nicht ersichtlich und damit auch der Grund, warum sie so wütend wird, als sie erfährt, dass Mark alles mitgelesen hat. Sie sagt: "Die SMS waren meine noch einzige bestehende Verbindung zu ihm und du hast sie zerstört!" Das entspricht aber nicht dessen, was wir im Film sehen. Sie hat ja noch sein Auto, das eine zentrale Rolle spielt. Also kann es nicht so wichtig sein, dass er es gelesen hat. Warum also die Aufregung? Schade ist dann auch, dass diese wichtigen Entscheidungen, wie das Auto zu verkaufen, nur beiläufig in einer Durchschau zu sehen ist. Dabei ist doch gerade das, der entscheidende Moment als Clara wirklich loslässt und den Schritt in ein neues Leben wagt.

All das zeigt, wie wichtig starke und markante Impulse für eine Figur sind, um sie nicht in der Belanglosigkeit verschwinden zu lassen. Wir dürfen diese als Filmemacher nicht nur aussprechen, sondern müssen sie auch zeigen und vor allem fühlbar machen.

Der Film hat schöne Bilder, tolle Ideen und Texte, jedoch zu viel davon und durch die fehlenden Gründe und schwachen Impulse auch große Längen.

 

Alles in allem ist Karoline Herfurth mit ihrem Debüt ein schöner Film gelungen, dem aus dramaturgischer Sicht jedoch einige wichtige Elemente fehlen, um ein echter Kassenschlager zu werden.

 

 

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