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"Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" oder warum Romanautoren nicht automatisch Drehbuchautoren sind

 

09:58h - Ich sitze im halbvollen Kinosaal. Erstaunlich viele Menschen für diese Uhrzeit. Auch wenn man die Tageszeit nicht merkt im geschlossenen Raum, ohne Tageslicht. Das einzige Indiz, ist das fehlende Rascheln der Popcorntüten und das ausbleibende Schlürfen der Stohalme aus den Softdrinkpappbechern. Eindeutig zu früh für Süßes.

09:59h - Gleich geht es los! Viele gespannte Gesichter. Wie wird er sein, der neue Film von David Yates? Ein Film, der in der Phantasiewelt von J.K. Rowlings "Harry Potter"-Saga statt findet, ist ein kleiner Lichtblick für all die weltweit Millionen Fans der Buch- und Filmreihe, die das Enden der Geschichte noch nicht verkraftet haben.

10.00h - Der Vorhang öffnet sich.

12.13h - Ich bin verwirrt.

 

Was ich gerade gesehen habe, lässt sich kaum einordnen. Das erhoffte Glücksgefühl produziert aus einer packenden Story und phantasievollen Eindrücken stellt sich nicht ein. Ich bin enttäuscht und ja... verwirrt.

 

Die Geschichte beginnt eigentlich hoffnungsvoll. Wir folgen dem magischen Tierbändiger Newt Scamander - unserem vermeintlichen Helden - bei seiner ersten Einreise in die USA 1926. Hier herrschen andere, strengere Regeln als in seiner Heimat England und die störischen Tiere in seinem Aktenkoffer, der einen Zoo voller phantastischer Tierwesen beherbergt, machen ihm die Ankunft nicht leicht. Wie soll es auch anders sein, einige Tiere entwischen. Erst eines, wodurch er den Muggle Jacob Kowalski kennen lernt und schließlich mehrere nachdem die beiden ihre gleichaussehenden Koffer ausversehen vertauscht haben. Da die ausgebüchsten Tiere und die Suche nach ihnen einige Verwüstung hinterlassen, tritt die degradierte Ex-Aurorin Porpentina Goldstein auf den Plan. Ebenso kommen ihre Schwester Queenie sowie Zauberminister Percival Graves, der mishandelte Junge Credence und einige weitere Figuren ins Spiel, die allesamt jeweils eine neue, große Geschichte zu der bestehenden hinzufügen. Und schon ist die Verwirrung perfekt.

Alle diese Figuren zeigen größere und interessantere innere Konflikte als die Hauptfigur Scamander selbst. Oder ist er das überhaupt? Wer ist denn nun eigentlich mein Held?

In der Vielzahl von Geschichten und ineinander verwobenen Konflikten, die alle das Potenzial zum Hauptkonflikt haben, habe ich ihn verloren.

Und nicht nur den Helden, sondern auch das Interesse.

Was ist hier also passiert?

"Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" ist eine Buchverfilmung des fiktiven Lehrbuches aus dem ersten Harry Potter Roman "Der Stein der Weisen", dessen Drehbuch von der Autorin selbst geschrieben wurde: J.K.Rowling.

Romanautoren lieben ihre Figuren. Jede einzelne. In einem Roman ist es möglich diese genauestens zu beschreiben, sie lebendig werden zu lassen und ihre Konflikte auf hunderten Seiten zu bearbeiten. Ein Film jedoch geht im Idealfall nur zwei Stunden. Klar, dass es da schwer fällt die ein oder andere Geschichte einer geliebten Figur sausen zu lassen.

Als Drehbuchautor muss man sich jedoch auf Grund der kompakten Zeit und des benötigten Erzählstranges für eine Hauptgeschichte entscheiden. Alle anderen Geschichten sollten drum herum gebaut werden, damit man der Gefahr entgeht, sich nicht in vielen kleinen Erzählungen zu verlieren.

Genau das ist J.K.Rowling passiert. Der ganze Film beinhaltet mindestens fünf Hauptgeschichten, weshalb es auch fünf Enden gibt, die den bereits zähflüssigen Atem des Film nur noch unnötig verlängern.

Hinzu kommt, dass der uns verkaufte Held und Autor des Lehrbuches Newt Scamander keinen inneren Konflikt mit sich bringt und dadurch auch im Laufe des Films nichts dazu lernt. Er ist am Ende des Films der selbe wie zu Anfang. Dies wird spätestens klar als er im letzten Drittel des Films im gesprochenen Subtext behauptet er habe sich verändert, sich jedoch nicht anders verhält. Er ist also nicht unser Held.

Wer eignet sich dann?

Das größte Potenzial birgt meiner Meinung nach, die Figur des Menschen Jacob Kowalski. Würden wir von Anfang an ihm folgen, würden wir mit dem Muggle in eine neuartige Welt voller Zauber und wundersamer Wesen eintauchen. Wir könnten miterleben, wie aus einem einfachen dicklichen "Versager" ein Held wird. Eine der letzten Szenen im Film wäre für dieses Szenario das perfekte Ende gewesen. Als Jacob freiwillig und bewusst in den "Regen des Vergessens" tritt und damit seine einzigen Freunde aufgibt, um sie zu beschützen, ensteht einer der wenigen starken emotionalen Momente des Films. Kowalski wird zum wahren Helden. Würde der Film damit enden, würde der Zuschauer ebenso wie die Hauptfigur nicht wissen ob das gerade Passierte nun Realität war oder nicht.

Auch hätte diese Version Newts Buch mehr in den Fokus rücken können. So spielt es nur eine minimale Rolle, die ohne Vorwissen nicht zu zuordnen ist, obwohl es als Namensgeber des Films fungiert.

Allerdings hätte dann die gesamte Geschichte um Credence und Percival Graves alias Gellert Grindelwald geändert werden müssen.

Da sich diese jedoch ohnehin deplaziert und nicht zur Story zugehörig anfühlt, da sie eher an Voldemort/Tom Riddle und Harry Potter erinnert, wäre hier eine Veränderung dringend notwendig gewesen.

 

Ein Buch und ein Film sind zwei vollkommen unterschiedliche Medien, mit unterschiedlichen Arten des Erzählens und damit auch unterschiedlichen Dramaturgien.

Eine der wichtigsten Fähigkeiten des Drehbuchautors, ist die "Kunst des Weglassens", um das Augenmerk auf die Hauptgeschichte setzen zu können. Ein Romanautor braucht diese Fähigkeit nur bedingt und in anderer Form.

 

Durch das ein oder andere Weglassen und das Konzentrieren auf eine, echte Hauptfigur, hätte der Film zu einem packenden, erlebnisreichen Film voller magischer, emotionaler Momente werden können. So bleibt nur ein Übermaß an Verwirrung. Zu viel von allem.

Schade.

 

 

 

 

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